Familie: Denn wir alle haben eine

Nachbericht zu den 46. Innsbrucker Wochenendgesprächen

Zehn Autor*innen trafen sich zum 46. Mal zu den Innsbrucker Wochenendgesprächen, einer Literaturveranstaltung mit Werkstattcharakter. Der Austausch der Autor*innen soll im Mittelpunkt stehen, wobei sich auch das Publikum mit Fragen oder Anmerkungen zu Wort melden kann. Bei den diesjährigen Gesprächen stand „Familie“ im Mittelpunkt, ein Thema, das berührt, bewegt, nachdenklich stimmt und nie an Aktualität einbüßt aus dem einfachen Grund, dass es uns alle betrifft: Denn – so variabel die Definition von Familie auch ist – jede*r von uns hat eine.

Was wir als Familie definieren, kann biologisch-präzise sein, oder aber inklusiv-fluide: Ob Familie Blutsverwandtschaft oder Seelenverwandtschaft heißt, wobei das eine das andere keineswegs ausschließt. Zu den Gesprächen geladen waren Autor*innen, die sich literarisch – ob fiktional, biographisch oder autobiographisch – in mindestens einem ihrer Werke mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

Lesen, zum Kennenlernen

Eröffnung und Einstieg in die Wochenendgespräche waren die bereits zur Tradition gewordenen Kurzlesungen im ORF Studio 3. Einem vollen Saal interessierter Zuhörer*innen war es möglich, kurz und prägnant die versammelte Runde der Autor*innen und ihre Werke kennenzulernen, wobei das Lesen ganz und gar im Mittelpunkt stand.

Gelesen wurde eine Bandbreite an eindrücklichen Texten: Romane, Lyrik und ein Theaterstück. Moderiert wurde der Abend von Birgit Holzner und Joe Rabl als Organisatorin und Organisator des Literaturfestivals.

Gespräche mit Werkstattcharakter

Die Innsbrucker Wochenendgespräche fanden, passend zu ihrem Werkstattcharakter, auf einer der Probebühnen des Tiroler Landestheaters statt. In ebendiesem wird im kommenden Jahr Miriam Unterthiners Stück Vaterzunge uraufgeführt werden, ein kunstvoller Text, der, so Unterthiner, „nach Regie verlangt“. Bei den eröffnenden Kurzlesungen durfte das Publikum bereits eine Kostprobe aus dem Text hören.

Zum Moderator der Diskussionen am Freitag und Samstag wurde Markus Köhle auserkoren: Sprachinstallateur, Papa Slam Österreichs und Autor des Österreich-Romans Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts. Wortgewitzt und eloquent leitete er die Gespräche und führte Autor*innen und Publikum durch die Veranstaltung.

Die persönliche Komponente: Autobiographie und Erzählerstimme

Wenn über Familie gesprochen wird, nehmen persönliche Erfahrungen nicht selten einen wichtigen Platz ein. Viele Texte der diesjährigen Autor*innen sind autobiographisch oder weisen autobiographische Züge auf. Die persönliche Komponente und damit die Distanz der Autor*innen zu ihrem Text waren wiederkehrend Thema. Ljuba Arnautovic beschrieb eine steigende Schwierigkeit im Wahren eines emotionalen Abstandes, je näher die Trilogie ihrer Familiengeschichte chronologisch ihrer eigenen Biographie kommt. Elke Laznia hingegen meinte, durch das fragmentarische Schreiben, wie in ihrem Kindheitswald wahre sie einen gewissen Abstand, wobei kleine Bilder durchaus sehr eindrücklich ein Stück Leben beschreiben können.

Auch für Miriam Unterthiner und Friederike Gösweiner war die Frage der Distanz präsent, allerdings in Bezug auf die Erzählerstimme, die den/die Leser*in durch ihre Texte führt. Bei Miriam Unterthiner tritt die Erzählerstimme vollends in den Hintergrund, denn die Stimmen in ihrem Stück sollen parallel sprechen können. Auch in Friederike Gösweiners Regenbogenweiß soll der Erzähler kein bewertender und kommentierender sein, eher ein unsichtbarer Moderator. In ihrem Roman begleiten wir eine Familie nach dem Tod des Vaters, dessen Sterben das postpatriarchale Zeitalter markiert, das nach neuen Familiendynamiken verlangt.

Was Familie ist

Familie kann eine biologische Bezeichnung sein, die mit Verpflichtungen einhergeht. Familie kann auch rein aus Liebe und Verbundenheit entstehen, Blutsverwandtschaft muss dafür nicht von Nöten sein. Familie kann unterstützen, Halt und Geborgenheit geben, das tut sie aber lange nicht immer. Familie kann auch einengen und binden und sogar verletzen. Wie sie gelebt wird, kann politisch oder ganz persönlich sein – oder beides. Wenn Literatur über Familie spricht, dann spielt es keine Rolle, was autobiographisch ist und was nicht, was „echt“ ist und was „erfunden“, so Ljuba Arnautović: Denn gute Kunst oder Literatur unterscheidet hier nicht.

Politisch und am Puls der Zeit

Wie Familie gelebt wird, ist immer politisch, sagt Gertraud Klemm, da spricht die Feministin aus der Autorin. Über eine feministische Wohngemeinschaft kann in ihrem Roman Einzeller gelesen werden. Auch für Birgit Birnbacher sind Familie und Politik eng miteinander verwoben: „Care-Arbeit ist, wo sich Ökonomie und Liebe vermischen.“ Es wird klar, auf welch komplexe Art und Weise Familie mit verschiedenen anderen Diskursen verwoben ist.

Auch das Anthropozän war – besonders in der Anschlussdiskussion – ein zentrales Thema. Was heißt die Klimakrise für Familie? Aus welchen Gründen entscheiden sich Menschen dazu, Kinder in diese Welt zu setzen und wer entscheidet sich dagegen? Laura Freundenthaler nähert sich der Fragestellung in ihrem apokalyptischen Roman Arson.

Was die Literatur leistet

Zusammenfassend waren die 46. Innsbrucker Wochenendgespräche Tage angeregter Diskussion, ein Raum für Literatur und literarische Produktionsreflexion, der ab und an auch politische und gesellschaftliche Themengebiete streifte. Über Literatur können wir uns Themen auf ganz verschiedene Arten nähern, sie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten und uns fremde Erfahrungen und Denkweisen zu eigen machen.

Literatur schafft auch, da waren sich die Autor*innen in der versammelten Runde einig, durch eine ganz persönliche Geschichte in einer Art allgemeinen Gültigkeit, die Geschichte vieler Menschen zu erzählen: Sie trifft den Übergang vom Ich zum Wir. Literatur kann Personen Raum geben, so Bettina Baláka, welche zuvor übersehen wurden.

Der diesjährigen Themenschwerpunkt „Familie“ zog ein breites Publikum an, das die Diskussion durch spannende Fragen und Anmerkungen zu bereichern wusste. Der angeregte Austausch unter den Autor*innen, aber auch zwischen Autor*innen und Publikum schuf auch dieses Jahr eine produktive Atmosphäre und ein unvergessliches Wochenende.

Elisabeth Spögler, 28.05.2024

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