Familie

Ich habe immer geglaubt, meine Familie sei normal. Also normal im Sinne von: wie alle anderen Familien auch, ganz nach Leo Tolstois „Alle glücklichen Familien ähneln einander“. Dass meine Familie eine glückliche war, daran habe ich als Kind nie gezweifelt.

Im Alter von zwölf Jahren hielt ich es für normal, dass mein Vater zum dritten Mal verheiratet war. Seine erste Frau nannte ich Mama, die zweite Mutti, und die dritte sollte ich bei ihrem Vornamen rufen. Wohnungs- und Schulwechsel waren für mich damals beinahe zur Routine geworden – da hatte ich bereits in drei sehr verschiedenen Ländern gelebt, sieben Umzüge mitgemacht (davon zwei in Kinderheime), und genauso oft hatte ich, manchmal mitten im Schuljahr, in eine neue Klasse wechseln müssen.

In diesem Alter bekam ich zum ersten Mal Einblick in die Familien von Freundinnen, und da dämmerte mir, dass meine Normalität nicht die gängige war. Dort gab es Mütter mit der Berufsbezeichnung „Hausfrau“, die täglich warme Mahlzeiten zubereiteten für ihre Kinder und einen Ehemann, mit dem sie seit der einzigen Heirat an der immer gleichen Adresse wohnten. Ich beneidete meine Freundinnen um die Regelmäßigkeit, die Verlässlichkeit und um das Mittagessen, das nach der Schule für sie bereitstand. Sie wiederum beneideten mich um meine vermeintliche Freiheit.

In den Ehen meines Vaters wurden weitere Kinder geboren. Ich zweifelte nie daran, dass meine jüngere Schwester und ich als seine Erstgeborenen aus der einzig wahren Familie stammten. Er und unsere Mutter hatten sich unter widrigen Umständen in einer – wie man gerne sagt – „schweren Zeit“ kennengelernt und sich heftig ineinander verliebt. Gemeinsam erlebten sie zum ersten Mal das Abenteuer, Eltern zu werden und zu sein. Unsere Familie war das Original. Was später folgte, konnten nur Remakes, Kopien, Coverversionen sein.

Die Kinder aus seiner nachfolgenden Ehe wiederum haben die Gemeinschaft, in der sie gezeugt worden sind, als die zentrale und endgültige im Leben ihres Vaters erfahren, ganz einfach, weil es die zentrale und endgültige in deren eigenem Leben ist. Alles davor und danach ist nicht von Bedeutung. Er hatte sich schließlich in ihre Mutter verliebt, sich für sie und gegen die anderen Frauen entschieden und alles Vergangene zurückgelassen.

Später würde er sich noch eine vierte Frau nehmen, und der Sohn aus dieser letzten Ehe ist überzeugt davon, dass sein Vater endlich – wenn auch schon ziemlich spät im Leben – bei der richtigen Partnerin, bei seiner wahren Liebe angekommen ist. Alles Vorherige kann nur Versuch und Irrtum gewesen sein.

Ljuba Arnautović

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