Familie

Man bittet mich um ein Statement zum Thema Familie. Das englische Wort statement ist seit 1750 belegt und bezog sich ursprünglich auf die Berichte der East India Company. Es ging um Rechnungen und Umsätze, Frachten und Zölle. Statement: ein Dokument, das Soll und Haben ausweist. Das finde ich treffend und anregend für das Nachdenken über Familie: das koloniale Ausbeutungs- und Unterwerfungsunternehmen der damaligen Weltmacht Großbritannien, Vorläufer heutiger Konzerne und Wegbereiter der Globalisierung, ebenso wie die Aufstellung von Schulden und Guthaben. Mittlerweile steht Statement als Fremdwort im Duden: Verlautbarung beziehungsweise öffentliche [politische] Erklärung oder Behauptung. Dass Familie politisch ist, grundpolitisch, dem, was wir üblicherweise als Politik bezeichnen – die Organisation von Gesellschaft und Gesellschaften beziehungsweise Staaten auf nationaler und internationaler Ebene –, vorgelagert und zugrunde liegend, als Keimzelle, als Brutstätte, als Material für die Politik auf höherer Ebene, wobei höher hier den größeren Zusammenhang in einem quantitativen Sinne meint. Weshalb ich seit jeher darauf beharre, dass ein Schreiben über Familie, über familiäre und andere Beziehungen und Zusammenhänge politisch ist, höchst politisch. Was mich zum Anlass für mein Konsultieren diverser Wörterbücher bringt. Ich reagiere höchst verwundert auf die Einladung zu den Innsbrucker Wochenendgesprächen: Warum lädt man mich zum Thema Familie ein? Der noch ungedachte Gedanke, den ich hinter dieser unausgesprochenen Frage aufspüre, lautet: Ich habe keine Familie. Das soll wohl heißen, keine Kinder, keine standesamtliche, kirchliche oder eingetragene Partnerschaft (im Zeitalter der Projekte ist das die richtige Bezeichnung für das Team zur Bewältigung der Challenges, die das Leben sind). Mit noch mehr Verwunderung konstatiere ich, dass ich, erstens, Familie mit Kleinfamilie und mit eigenen Kindern gleichgesetzt, und dass ich, zweitens, einen Moment lang, das Diktum der sogenannten Authentizität als einzige Legitimation, sich zu einem Thema zu äußern, akzeptiert habe. Ist Authentizität die Erfahrung am eigenen Leibe? Ich betrachte meine bisherigen Texte. Meine Arbeit ist ein Beziehungsgeflecht. Familie ist überall. Statement: a formal written or oral account of facts, theories, opinions, events etc., (now) especially as requested by authority, or issued to the media. Ich bin Schriftstellerin. Ich erzähle, ich beschreibe, ich suche nach sprachlicher Form. Document setting out the items of debit and credit between two parties. Ein Schriftstück zur Offenlegung von Soll und Haben. Debit bedeutet auch: Schuldposten, Belastung. Credit bedeutet auch: Glaube, Vertrauen, Zutrauen.

Laura Freudenthaler

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