Familie

Dieses Thema ist zu groß, um es auf wenige Zeilen zu verkürzen, es ist nicht nur Vater-Mutter-Kind, es ist viel mehr als das, es sind unsere Vorfahrinnen, unsere Vorfahren, es ist das, was uns formte, im Guten, im Schlechten, es sind die, die uns prägten, die uns gehalten oder weggestoßen haben, oder beides zugleich, die uns verunstaltet oder befreit haben, nie beides zugleich, hier bleibt dieses Entweder-Oder. Befreien mussten wir uns selbst, es kommt aber darauf an, wie stark wir sind, und wie wir weiterkommen …

Als Kind war die Körperschaft, die mich umgab, nicht funktionstüchtig. Wer im Dorf nicht der Norm, dem Durchschnitt entsprach, durfte sich nicht Familie nennen, nach Tod und Teufel war das brenzligste Wort für mich Familienrunde, die katholische Gemeinschaft war die Einheit, zu der alle gehörten, sie bildeten Gruppen und Runden und wir waren die Außenseiterinnen, hatten einen Makel, allein weil es uns gab, einen Stempel auf der Stirn. Sie haben es uns spüren lassen.

Familie kann eine Institution sein, die einige wenige einbezieht, protegiert, schützt und bevorteilt, und andere ausgrenzt, wenn einer sagt, du bist Familie, heißt das für alle anderen, du bist es nicht.

Wir schulden unseren Eltern nichts und unsere Kinder schulden uns nichts. Für mich beginnt Familie erst dann, wenn nicht allein der Mangel, die Abhängigkeit oder die Schuld/Erbschuld die Verbindung definiert, sondern wenn sie aus Achtung, Zuneigung und Liebe besteht.

Dann ist Familie wirkliche Beziehung, gleichwertiger Austausch und Zugehörigkeit. Das ermöglicht, füreinander da zu sein und einander zu ertragen, das auch, vielleicht sind sogar die eigenen Eltern oder die (erwachsenen) Kinder Teil dieser freigewählten Familie, das wäre schön.

Im Grund zehrt mein Schreiben auch davon, dass ich versuche, dem Fremdsein einen Namen zu geben und nach Zugehörigkeit und Heimat zu suchen. Ich scheitere immer wieder und beginne erneut zu suchen. Das ist mein Wiederholen.

Wir brauchen Worte, auf die wir bauen können, und Blicke, denen wir vertrauen, wir brauchen Menschen, die uns zum ORT werden, zu einer Art Zuhause vielleicht, einem Ankommen, Sich-Finden, Sich-Wiederfinden, wir brauchen das DU, das wir so nötig haben, wir wollen diese Orte bewohnen, sie uns be-leben, uns Bilder schaffen, Momente haben, die uns zu Erinnerung werden, irgendwann, zu einer schönen, wir wollen sagen: Weißt du noch?, und: Kannst du dich erinnern?, und wir sind selbst Orte, jeder ist ein anderer Ort, so anders gestaltet, wer macht uns zu dem Ort, der wir sind, zu dem Bauwerk, das wir geworden sind, wie schön gestaltet, wie missraten, wie baufällig sind wir, und: Wer will in uns wohnen; und jedem von uns ist der Ort, an dem wir uns gerade befinden, ein anderer, es kommt auf den Blickwinkel an, auf die Sichtweise …

Elke Laznia

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