Im Gespräch mit Laura Freudenthaler:
Gedanken über das Schreiben, den Rückgang der Lesekultur
und die Funktion von Literatur

Sie sagten einmal, dass das Schreiben für Sie eine gewisse Art der Verarbeitung ermöglicht, da es die Wirklichkeit gedanklich manifestiert. Nun wäre meine Frage, ob Sie diese Art von Verarbeitung nicht nur zum Entwerfen von narrativen Räumen brauchen, sondern auch für sich selbst? Ich habe sofort daran gedacht, dass ich persönlich – vielleicht ein etwas banaler Vergleich – beim Tagebuchschreiben eine Verarbeitung durch das Schreiben erreiche.

Sie sagen banal in Bezug auf das Tagebuchschreiben – aber ich finde das nicht so banal, weil ich denke, dass am Anfang jedes Schreibens etwas steht, was man als Tagebuchschreiben bezeichnen könnte. Das ist ja nur ein Genre, das wir erfunden haben, das man aber auch sehr viel weiter verstehen kann. Wer hat nicht als junger Mensch Tagebuch geführt? Zumindest war das einmal so, bin ich versucht zu sagen, aber wenn man Facebook, TikTok oder was halt gerade das Neueste ist, auch als eine Art von Niederschrift betrachtet, so hat sich das gar nicht geändert – irgendeine Art der Aufzeichnung, um sich selbst zu vergewissern, um eine eigene Welt zu entwerfen. Es gibt da eine gewisse Scheu – man müsse schließlich das Persönliche und das Schriftstellerische auseinanderhalten, das bringt man den Literaturwissenschaftsstudenten so bei und das hat auch seine Richtigkeit. Ich selbst poche als Autorin sehr darauf, dass ich nicht zu privat gelesen werden will. Das heißt, lesen kann man natürlich, wie man will, aber mir ist wichtig, das Geschriebene auf einer theoretischen und auf einer Metaebene zu betrachten, weil Literatur eben bedeutet, den Text auf diese Ebene zu bringen – das ist dann der Unterschied zum Tagebuchschreiben. Aber der Ursprung vom Schreiben ist ein „Sich-der-Welt-Vergewissern“ und eine Art, mit der Welt und mit den eigenen Erfahrungen zurechtzukommen. Seine Welterfahrungen in eine Form zu bringen und dadurch greifbar zu machen, ist alles andere als banal; das ist das Fundamentalste. Das ist ein „Zu-Bewusstseinkommen”.

In dem Kontext ist dann sicherlich auch das Beobachten wichtig, aber ich merke auch bei mir selber, dass ich dann manchmal denke „das ist jetzt pathetisch” oder dass ich überinterpretiere, was ich sehe. Aber ich finde, diese Beobachtungen erst einmal im Kopf nachzuverfolgen und einzuordnen, kann oft schon sehr produktiv sein.

Das stimmt – die Beobachtung ist die Grundlage und stellt zugleich eine Welthaltung dar, eine Haltung der Aufmerksamkeit – einer sehr großen Aufmerksamkeit und eines Aufnehmens. Und das ist eine grundsätzlich friedliche Haltung, die das Andere erkennt, anerkennt und auch bis zu einem gewissen Grad sein lässt.

Bei mir ist es oft so, dass sich mein Schreiben schnell in eine eskapistische Richtung dreht, weil eine zu starke Auseinandersetzung damit, wie sich die Dinge befinden in der Welt oder wie ich meine, dass Menschen denken, mich schnell frustriert. Aber Sie scheuen vor diesen problematischen Beschaffenheiten nicht zurück; Ihnen ist gerade auch auf der Metaebene die Interaktion mit den Leser*innen sehr wichtig und gewissermaßen die Entlarvung von deren Bedürfnis nach unbedingter Kategorisierung und Verurteilung von fiktionalen Figuren und Handlungssträngen auch eine zentrale Funktion dieser Ebene, oder?

Ja, auf jeden Fall. Also nicht als eine Haltung, die gegen den Leser gerichtet ist (lacht), dass ich ihn bloßstellen will vor sich selbst. Es gibt diese große Frage „Kann man mit Literatur etwas bewirken?” – das geht dann meist in Richtung politische Literatur. Wenn mein Schreiben etwas bewirken kann, dann im besten Falle, dass der Leser die Erfahrung macht, dass Erwartungen nicht erfüllt werden und dass er das erkennt – dass er seinem eigenen Unwohlsein gegenübertritt, wo ihn etwas stört, ihm nicht entspricht, und der Ambivalenz begegnet; dieses eigene Unwohlsein als Ausgangspunkt für eine andere Schicht oder auch ein anderes Empfinden zu begreifen. Was also kann Literatur bewirken? Wenn sie etwas bewirken kann, dann hoffentlich eine Übung in Aufmerksamkeit, in Wahrnehmung. Die Ambivalenz ist mir ein wichtiger Begriff, weil für mich in der Leugnung von Ambivalenz und der Wut und Aggressivität, mit der auf selbige reagiert wird, ein zentraler Punkt dafür zu liegen scheint, was momentan so schiefgeht an allen Ecken und Enden und auf allen Ebenen in der Welt. Darum ging es in der Literatur schon immer, in den Anfängen des Erzählens. Wenn man beispielsweise die Märchen heranzieht – die können eine ganz große Aufgabe erfüllen, nämlich dass sie uns lehren, Ambivalenz auszuhalten. Literatur gibt keine Antworten und sie bietet keine Lösungen an. Weshalb auch die viel beschworene und verlangte Identifizierung und Identifikation problematisch ist. Ich denke, nein, es würde eben darum gehen, erst einmal andere Welterfahrungen zu machen, auch andere Gefühlswelten zu erfahren, und sowieso Gedankenwelten, und auch auszuhalten, wenn etwas nicht dem Eigenen entspricht oder wenn es einen mit etwas konfrontiert, was einem bislang in sich selbst verborgen war.

Bei mir wurde dieses störende Gefühl auf jeden Fall ausgelöst, als ich Texte von Ihnen gelesen habe und ich habe mich dann schon auch gefragt, warum mich das so sehr frustriert oder warum ich dieses Bedürfnis nach Sicherheit so ausgeprägt besitze. Und dann habe ich überlegt, dass das ja objektiv schon ein bisschen feige ist, dass man immer in diese Sicherheit flüchten möchte; dass man ein klares Bild davon haben möchte, wie man die Dinge einzuordnen hat.

Ich würde gar nicht sagen „feige" - das ist ja auch etwas, was wir brauchen und lernen und was eine wichtige Überlebensfunktion für die Menschheit hat.

Ich würde nun noch einmal umschwenken auf ganz anderen Themenbereich – und zwar haben Sie in manchen Interviews nicht unbedingt kritisiert, aber doch gesagt, dass der ganze ökonomische Bereich des Literaturbetriebs auch herausfordernd ist und mich hätte nun interessiert, wie sich das konkret auf das Schreiben auswirkt. Sie sagten ja auch, dass es für Sie verschiedene Phasen des Schreibens gäbe, in denen Sie sich teils völlig zurückziehen – aber das ist ja irgendwo auch utopisch, da man sich nicht wochenlang isolieren kann, oder?

Na ja, man kann schon, ich mache das schon. Aber es ist nicht ganz einfach. (lacht)

Ja, das glaube ich. (lacht) Genau, also wie übertragen sich diese Forderungen auf das Schreiben oder wie lässt sich das irgendwie ausbalancieren? Auch dieses gewisse Maß an Öffentlichkeit, was ja immer gefordert wird, stelle ich mir sehr zehrend vor.

Ja, das ist ein Widerspruch – das lässt sich nicht auflösen oder ich habe keine Lösung dafür, weil ich nicht über die ökonomischen Mittel verfüge, um mir den Lebensentwurf auszusuchen, der mir ideal erscheinen würde. Nein, das sind zwei völlig entgegengesetzte, einander widersprechende und einander beinahe ausschließende Formen, und die Schwierigkeit ist die dass, was sich als Beruf des Schriftstellers darstellt, eben öffentlich aufzutreten, zu lesen, Gespräche zu führen – das Gegenteil von Schreiben ist. Das heißt, was ich als Schriftstellerin als meine Tätigkeit und meine Aufgabe ansehe, das Schreiben, wird dadurch verunmöglicht, was mein Autorinsein nach außen hin bedeutet (nämlich als öffentliche Person oder als öffentlich in Erscheinung tretende Person). Auf der anderen Seite halte ich dieses öffentliche Auftreten durchaus für wichtig, und ich mache es nicht nur aus ökonomischen Gründen, sondern weil ich der Meinung bin, dass die Gespräche bei Lesungen und diese direkte Begegnung mit Menschen und Lesern etwas ist, das ganz andere Prozesse auslösen kann. Weil es die Texte oft zugänglicher macht oder ihnen eine andere Ebene gibt und ich weiß, dass das für viele Leute wichtig ist. Denen eröffnet sich dadurch etwas, was sich sonst nicht eröffnen würde, und gerade bei meinen Texten und Büchern erfahre ich, dass die persönliche Begegnung oft einen anderen Zugang aufmacht, weil es in gewisser Weise auch schwierige Texte sind. Und es gibt Standpunkte, die ich vertrete, und ich empfinde eine gewisse Verantwortung, dem auch eine Stimme und ein Gesicht zu geben. Ich halte es für wichtig, dass man sich äußert, um das Diskursfeld nicht denen zu überlassen, die das Einfache bedienen.

Ja, da hatte ich auch ein bisschen eine Frage darauf abgezielt, dass ich beobachte, dass gerade an meine Zielgruppe gerichtete Texte oft sehr oberflächlich, sehr eskapistisch und teils eben auch wirklich schlecht geschrieben sind. Natürlich kann man sich selber aussuchen, was man liest, aber diese Masse von Büchern, die verlegt werden, die keinerlei literarischen Anspruch besitzen… Ich versuche dann immer, das auszublenden, aber es fällt mir doch schwer und ich glaube, dass es ganz wichtig ist, auch kritische Texte zu haben, die anspruchsvoll sind. Aber ich merke halt auch, dass es in meiner Altersgruppe wenige gibt, die aufrichtig an Literatur interessiert sind – klar, man umgibt sich in seiner Blase mit Gleichgesinnten, doch die allgemeine Entwicklung empfinde ich als eher tragisch.

Ja, ich bin sehr pessimistisch, was das angeht, weil es einfach tatsächlich so ist, dass die Kulturtechnik des Lesens verschwindet. Es wird immer diese ganz kleine Gruppe geben, das denke ich schon, aber das, was ja auch von nicht sehr langer Dauer war, dieses Phänomen einer – sagen wir mal, breiten leserischen Öffentlichkeit – geht zu Ende oder ist schon zu Ende gegangen. Es ist ein Balanceakt, dem gelassen zu begegnen, dass die Unterscheidung zunehmend nicht mehr getroffen wird, was Literatur ist und was nicht Literatur ist, sondern dass als Literatur wahrgenommen und auch darüber gesprochen wird, als wäre es Literatur, was meiner Meinung nach keine ist. Das Andere ist, – Sie haben eskapistisch gesagt – sich dem nicht ganz zu entziehen; man muss schon wissen, was passiert. Dabei seinen Anspruch aufrechtzuerhalten und sich gedanklich und seelisch frei genug zu halten, um dem Schreiben, wie man es machen will, auf diese Art und Weise nachzugehen – das ist die Herausforderung.

Katharina Schröder

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