Dietmar Krug
Goren 1963 im Rheinland, studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte und promovierte über Thomas Mann (Eros im Dreigestirn, 1997). Er lebte drei Jahrzehnte lang in Wien, wo er als Verlagslektor und später als Journalist tätig war, u. a. für das Spectrum, die Wochenendbeilage der Presse. Mittlerweile lebt er als freier Schriftsteller im Waldviertel. Im Otto Müller Verlag erschienen die Romane Mehr Freiheit (2013), Rissspuren (2015), Die Verwechslung (2018) und Von der Buntheit der Krähen (2020).
Ich habe beschlossen, nicht mehr zu reisen. Wobei: Eigentlich war es gar kein richtiger Entschluss. Eher so eine sickernde, ständig wachsende Unlust, bereits bei dem Gedanken, ein Reiseziel zu suchen, einen Flug zu buchen, die Koffer zu packen, die Haustiere zu versorgen. Also all die Mühen und Kosten auf sich zu nehmen, die eine Reise halt erfordert und die man gern investiert, weil das Reiseerlebnis einen ja für all das entschädigt. Das Interessante daran ist: Fast alle meine Freunde und Bekannten haben auf meine Reiseaskese mit gehobenen Brauen, wenn nicht gar mit Argwohn reagiert. ,Was, du reist nicht mehr?‘ Und in ihren Mienen war deutlich zu lesen, was sie dachten: Wie kann das sein, was stimmt nicht mit ihm? (…) Das Interessante ist, dass meine Reiseunlust im Kontrast steht zu einer regelrechten Reisepflicht meiner Zeitgenossen. Die Frage: ,Und, wohin geht’s dieses Jahr auf Urlaub?‘ impliziert ja, dass es jedes Jahr irgendwohin gehen muss. Da fährt die Eisenbahn drüber. Und niemand fragt: Warum eigentlich? (…) Vielleicht ist der kategorische Imperativ zur jährlichen Reise ja am Ende nichts anderes als ein gigantischer Marketingerfolg der Tourismusindustrie. Ganze Volkswirtschaften leben von diesem Dauercoup.
Aus: Schluss damit! Der Autor Dietmar Krug reist nicht mehr – und erklärt warum,
in: Der Standard, 22.11.2025
Foto: Sascha R. Brauner