Selma Mahlknecht

Schriftstellerin, Regisseurin und Theaterautorin, lebt in der Schweiz. Zahlreiche literarische Veröffentlichungen. Der Roman Helena (2010) wurde mit dem Sir-Walter-Scott-Preis ausgezeichnet, Es ist nichts geschehen (2009) wurde ins Schwedische übersetzt. Zuletzt erschienen in der Edition Raetia der Essay Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen (2021) sowie die Romane Fö. Zernezer Feuer. Eine Familiensaga (2023) und Schaukler (2024).

Vielleicht ist Sesshaftigkeit ein Irrtum. Vielleicht liegt tief in unserem Erbgut verankert ein Gen-Baustein, der uns unstet macht, rastlos, zu Wanderern. Einer, der uns immer dann, wenn wir stillzustehen drohen, als Unruhe ins Herz sticht, als unbestimmte Sehnsucht nach dem Anderswo. (…)
Wer reist, begibt sich auf die Suche. Nach dem Unbekannten, sagen die einen. Nach dem Versprochenen, sagen die anderen. Nach dem Anderen, auf jeden Fall. Doch das Andere, das wir in der Fremde suchen, braucht, um uns zu beglücken, auch ein Quantum Vertrautes. Unser jeweiliger Aufenthaltsort ist ein Spiegel, in dem wir uns selbst sehen wollen – eingebettet in einen anderen Rahmen. Wer bin ich, wenn ich in der Welt bin? (…)
Viele brechen auf, um sich selbst zu entfliehen. Doch die Flucht aus der Welt endet immer in der Welt – und das Ausbrechen aus dem Ich wirft das Ich auf sich selbst zurück.
In diesen scheinbaren Widersprüchen bewegen wir uns, wenn wir auf Reisen gehen. Vielleicht ist deshalb das Ankommen schwierig, und vielleicht ist das die Quelle des Wehs, ob nach dem Heim oder nach der Ferne. Wer bin ich also, wenn ich in der Welt bin?

Aus: Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen, Edition Raetia 2021

Portrait Selma Mahlknecht

Foto: Simon Raffeiner