Anette Selg

Geboren 1968, arbeitete als Lektorin, u. a. für die Andere Bibliothek von Hans Magnus Enzensberger und als Herausgeberin, z. B. von ­Diderots Encyclopédie. Als freie Journalistin schrieb sie für Deutschlandfunk Kultur, SWR, NZZ und mare. Sie war Literaturstipendiatin an diversen Orten, las beim Open Mike sowie beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt. Seit zehn Jahren ist sie Lehrerin an einem Oberstufenzentrum. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Berlin. Mit Das Jahr, bevor ich verschwand (Schöffling & Co 2025) war sie 2023 Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens. Es ist ihr erster Roman.

What is your dream, hatte der Australier immer gefragt. Allein sein und reisen, in die Ferne und in die Wärme. Nach der Schule kaufe ich mir in diesem Aussteigerladen bei einem freundlichen, nicht mehr jungen Mann den ersten Traveller-Rucksack meines Lebens, für meine Asienreise im nächsten Jahr, sag ihm das auch, und er freut sich mit mir, glaube ich. Aubergine fire heißt das Modell, das gefällt mir. Der Verkäufer rät noch zu einer Regenhülle und einem imprägnierten Moskitonetz, ich kaufe auch das. Wieder draußen packe ich alles in den neuen Rucksack, setze ihn auf und radel damit nach Hause. Fühle mich federleicht und beglückt, sehe staubige Straßen, Bananenstauden und Palmen, einen sehr blauen Himmel und das Meer.

Aus: Das Jahr, bevor ich verschwand, Schöffling & Co 2025

Portrait Anette Selg

Foto: Debora Mittelstaedt